Borreliose beim Hund: Ein Update



Borreliose wird sowohl in der Humanmedizin, vor allem aber in der Tiermedizin oft überdiagnostiziert, da sie zu einer „Mode-Krankheit“ geworden ist.
Sie wird überschätzt, weil die Antikörper mit denen anderer Infektionskrankheiten falsch positive Ergebnisse zeigen. Der Nachweis von Antikörpern belegt zwar einen Kontakt mit Borreliose-Erreger (sogenannten Spirochäten), beweist aber nicht, dass das aktuelle Krankheitsgeschehen von Borrelien verursacht wird. In viele Gebiete haben fast alle Tiere der Borrellien-Antikörper, ohne jemals klinische Symptome zu entwickeln.

Borreliose ist eine bei Menschen und Tieren auf der ganzen Welt auftretende, von Zecken der Gattung Ixodes übertragene, Spirochätose. Verwandte Spirochätosen bei Menschen gehören zur Gruppe der Rückfallfieber, die von Lederzecken und Läusen übertragen werden.

Borreliose ist derzeit die am häufigsten diagnostizierte, durch Insekten übertragene Krankheit bei Menschen.


Obwohl Infektionen bei Hunden sehr häufig sind, entwickeln Hunde wesentlich seltener klinische Symptome als Menschen und Katzen. Pferde und Rinder erkranken seltener als Hunde.
In Europa ist die Borreliose seit dem frühen 20. Jahrhundert bekannt. Alan Steere von der Universität Yale beschrieb als erster die Krankheit und den Zusammenhang mit Zeckenbissen nach einem Ausbruch 1975 in Lyme, im US-Bundesstaat Connecticut (daher der Name „Lyme Disease“). Es gibt aber Hinweise, dass es diese Infektion bei Wildtieren und deren Zecken schon viel länger gibt. Hautproben aus Ohren von Museumsexemplaren von Weißfußmäusen, die von 1894 aus der Gegend um Dennis im Bundesstaat Massachusetts stammen, enthielten beispielsweise Borrelia-DNA. Auch in Zecken aus Großbritannien aus dem Jahr 1897 wurden Borrelien gefunden.


Entstehung und Entwicklung der Borreliose:

Borrelien können nicht frei in der Umwelt überleben. Sie sind an Wirte gebunden und werden zwischen Wirbeltieren und blutsaugenden Insekten (als Vektoren) übertragen.
Die Hauptüberträger sind verschiedene Arten von Schildzecken.
Ixodes Rizinus ist der Hauptvektor in Europa. Diese kleinen (weniger als 3,0 mm) Ixodes-Zecken befallen während ihres Lebenszyklus immer mehr als einen Wirt. Andere Zecken und Insekten können Borrelien zwar beherbergen, scheinen aber die Infektionskette nicht aufrecht zu erhalten oder bei der Übertragung keine wichtige Rolle zu spielen.
Für die natürliche Übertragung der Spirochäten muss die Zecke 24 bis 48 Stunden am Wirt festgesaugt bleiben.
Auf den Reiz von Blut hin, das die Zecke beim Saugen aufnimmt, vermehren sich die im Enddarm der Zecke sitzenden Borrelien, sie ändern Ihre Oberflächenstruktur und durchdringen die Darmzellenwand, um in die Speicheldrüsen zu gelangen, und schließlich den Wirt durch den Zeckenspeichel zu infizieren.
Wenn die Borrelien einmal einen Wirt infiziert haben, verbleiben sie wahrscheinlich lebenslang in dem Wirt. Auch eine antibiotische Therapie führt nicht zur vollständigen Erregerelimination.
Auch nach monate- oder jahrelanger Therapie können Borrelien in Haut, Bindegewebe, Gelenken und im Nervensystem überdauern und mittels PCR oder manchmal in der Kultur von Blut, Liquor und Urin nachgewiesen werden.
Experimentelle Studien weisen darauf hin, dass Borrelien sich außerhalb der Zellen aufhalten und sich auf unbekannte Weise der Immunabwehr entziehen können.

Wahrscheinlich bleiben die Borrelien zwar in diesen Hunden, breiten sich aber nie weiter im Bindegewebe aus und lösen deswegen keine klinischen Symptome aus, provozieren aber eine ständige Antikörperantwort (IgM- und IgG-Antikörper).
Bei manchen Tieren jedoch vermehren sich die Borrelien, ausgehend von der Bissstelle, über die Haut in verschiedene Gewebe, einschließlich der Gelenke.
Die klinischen Symptome resultieren dann aus der Entzündungsreaktion des Wirtes auf die Anwesenheit der Borrelien und zeigen sich als immun-stimulierte Krankheit. Warum ein bestimmter Hund oder Mensch klinische Symptome entwickelt, ist noch immer unbekannt.

Ixodes Rizinus: Mänchen und Weibchen


Klinische Symptome:
Die klinischen Symptome umfassen Fieber, Appetitlosigkeit, Apathie, Lymphknotenvergrößerung und wechselnde Lahmheiten durch Polyarthritiden.
Die Arthritis beginnt in dem Gelenk, das dem Zeckenbiss am nächsten liegt.
Andere klinische Symptome sind: Immunbedingte Nierenentzündungen (Glomerulonephritiden). Dabei sind häufig der Labrador und Golden Retriever betroffen.
Im deutschsprachigen Raum tritt besonders bei Berner-Sennenhunden mit hohen Antikörpertitern häufig eine Glomerulonephritis auf. Der natürliche Kontakt mit Borrelien spielt bei dieser rasch fortschreitenden Glomerulopathie wohl eine Rolle, ist aber letztlich nicht bewiesen. Wahrscheinlich ist eine durch immun-bedingte Reaktionen hervorgerufenen Glomerulonephritis in Europa die wichtigste klinische Manifestation einer Borrelien-Infektion.
Eine Hautveränderung um den Zeckenbiss ist selten beschrieben. Gelegentlich kann eine kleine gerötete Stelle, längst nicht so dramatisch wie das Erythema migrans beim Menschen, sichtbar sein, welche aber innerhalb der erste Woche wieder verschwindet. Durch Meningitis oder Enzephalitis verursachte neurologische Symptome werden weder bei natürlichen, noch bei experimentellen Infektionen von Hunden häufig beobachtet, scheinen aber möglich zu sein. Andere Symptome, wie Herzrhythmusstörungen durch eine (ähnlich der beim Menschen bekannten) Herzmuskelentzündung, sind vereinzelt beschrieben.


Diagnose:

Anhand von klinischen Symptomen kann eine Borreliose nicht diagnostiziert werden. Die klinischen Symptome sind unspezifisch, und viele andere Krankheiten kommen differentialdiagnostisch in Betracht. Auch eine Kombination von klinischen Symptomen, z. B. Lahmheit, mit dem Vorhandensein von Antikörpern kann in Borrelien-gefährdeten Gebieten nicht zur Diagnose herangezogen werden, da in diesen Gebieten bis zu 95 % der Hunde Antikörper haben.
Auch die manchmal propagierte Diagnose anhand eines Therapieerfolgs ist nicht möglich, da viele Polyarthritiden einen „wellenartigen“ Verlauf haben und spontane Besserungen der Symptome typisch sind.
Eine Behandlung mit Doxycyclin (Mittel der Wahl zur Therapie der Borreliose) führt bei Arthritiden und sogar Arthrosen verschiedener Ursache zur Besserung der Symptome, weil Doxycyclin nicht nur antibiotische, sondern auch Knorpel- schützende Eigenschaften hat und auch in gewissem Grade immun-stimulierend wirkt.
Ein Ansprechen auf eine Therapie kann demnach auch nicht als diagnostisches Kriterium herangezogen werden.
Mit der Borreliose sind auch keine spezifischen Veränderungen von Blutbild der klinisch-chemischen Blutparametern verbunden, weil Borrelien sich nicht in die Blutbahn, sondern über das Bindegewebe und Knorpelgewebe verbreiten.
Beim Testen auf Antikörper gibt es mehrere Probleme. Erstens gibt es kein Standard in der Messtechnik und Auswertung. Eine Einsendung der gleichen Blutrobe an zehn verschiede kommerzielle Labore erbrachte nur eine 53-%ige Übereinstimmung der Titer. Zweitens ist eine frühe Infektion schwer nachweisbar, weil die Immunantwort auf B. burgdorferi nur allmählich erfolgt. Experimentell infizierte Hunde reagieren vier bis sechs Wochen nach der Exposition positiv. Drei Monate nach der Exposition waren die Titer am höchsten.

Ein Vorhandensein von Antikörpern ist also zur Diagnosestellung nicht hilfreich !....

Da die routinemäßig durchgeführten Antikörpertests nicht spezifisch sind, müssen zur Bestätigung einer Infektion andere Tests, wie der Western Blot oder der neue C6-ELISA, herangezogen werden.
Mit beiden kann man Antikörper nachweisen, die spezifisch auf eine Infektion mit B. burgdorferi hinweisen und Kontakt mit anderen Bakterien oder Impfungen ausschließen.
Dieser Test scheint also eine wesentlich bessere Alternative darzustellen. Es muss aber bedacht werden, dass sowohl der Western Blot als auch der C6-ELISA – obwohl sie spezifischer sind – nur eine Infektion mit B. burgdorferi beweisen, aber nicht vorhersagen, ob ein Hund tatsächlich an Borreliose erkrankt ist.
Eine weitere Möglichkeit Borreliose nachzuweisen ist der direkter Erregernachweis.
Die Anzüchtung von Spirochäten aus Proben eines kranken Tieres wäre zwar die beste Methode für den Nachweis der Krankheit, ist aber in den meisten Fällen wegen der wenigen, darin enthaltenen Erreger schwierig. Für die Anzüchtung werden spezielle Nährmedien benötigt, aber sogar dann ist die Kultur meistens falsch-negativ.
Die Polymerase-Kettenreaktion (PCR) ist dagegen hochspezifisch. Hier wird die Erbsubstanz DNA der Borreliose-Erreger im Körper nachgewiesen.
Das beste Material für die PCR sind Hautproben aus einer dem Zeckenbiss nahen Stelle. Wenn die Bissstelle nicht bekannt ist, sollte eine Probe in der Nähe des Gelenks entnommen werden, an dem die erste Lahmheit oder Schwellung beobachtet wurde. Wenn keine Arthritis aufgetreten ist, sollten die Proben von Stellen genommen werden, wo Zeckenbisse allgemein häufig vorkommen (normalerweise der vordere Teil des Hundes.
Blut ist wenig brauchbar, da Borrelien sich nur selten auf dem Blutweg ausbreiten. Gelenkflüssigkeit oder Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor) sind hervorragende Materialien für die Polymerase-Kettenreaktion, wenn klinische Symptome vorliegen. Die Sensitivität der PCR ist hoch, aber natürlich muss die Probe auch Borrelienerreger-DNA enthalten. Deswegen schließt eine negative PCR niemals aus, dass Borrelien irgendwo im Körper vorhanden sind. Ist die PCR jedoch positiv, dann spricht dies dafür, dass sich die Borrelien im Körper ausgebreitet haben und nicht nur an der Bissstelle als inaktive Infektion vorliegen. Wenn die Borrelien sich im Körper ausbreiten, ist davon auszugehen, dass sie in den meisten Fällen auch klinische Symptome hervorrufen. Eine positive PCR aus einer (oder mehreren) Hautstanze/n (oder aus Gelenksflüssigkeit, Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit oder einer Nierenbiopsie) ist also beweisend für eine klinisch manifeste Borreliose.


Therapie:
Weil es so schwierig ist, eine Diagnose zu stellen, werden häufig
Antibiotika im Sinne einer diagnostischen Therapie empirisch eingesetzt.
Es gibt viele Berichte von Hunden, bei denen Borreliose „diagnostiziert“ wurde, weil sie sich nach dem Einsatz von Antibiotika gebessert hatten.
Dennoch sollte eine klinische Verbesserung nach jeglicher Therapie mit Vorsicht betrachtet werden, da der Funktionsverlust von Gelenk und Extremität nur vorübergehend besteht und nach einigen Tagen bis Wochen von selbst vergeht, ob nun Antibiotika gegeben werden oder nicht.
Es erwies sich, dass Doxycyclin bei Hunden mit nicht-infektiösen Arthritiden knorpelsschonend wirkt und daher auch bei Arthritiden, die nicht mit Borreliose zusammenhängen, zu einer Besserung führt.
Zu den Antibiotika, die für die Behandlung einer Borreliose am effektivsten sind, zählen Tetrazykline, Ampicillin/Amoxicillin, einige Cephalosporine der dritten Generation sowie neue Erythromycin-Derivate.
Nach Beginn der antibiotische Therapie ist innerhalb von 24 bis 48 Stunden häufig schon eine Besserung zu erkennen. Dabei ist der Therapieerfolg in der Anfangsphase der Krankheit am größten.
Ergebnisse verschiedener Studien deuten darauf hin, dass Erreger aus
Tieren mit chronischen Infektionen nur schwer zu eliminieren sind und Rückfälle trotz Behandlung vorkommen, sogar wenn die Behandlung wochen- oder monatelang fortgesetzt wird.
Die derzeitige Empfehlung für die Therapie der chronischen Borreliose ist eine 30-tägige Antibiotikagabe, die vier- bis fünfmal im Abstand von jeweils drei Monaten wiederholt wird.
Nicht-steroidale Antiphlogistika helfen bei Episoden wiederkehrender Arthritis gegen die Schmerzen. Hohe Dosen von Cortison sollten wegen der immunsuppressiven Wirkung und der möglichen Verschlimmerung der Infektion vermieden werden.

Ansteckungsgefahr für den Menschen:

Bisher gibt es keine Hinweise, dass infizierte Hunde oder Katzen für den Menschen ein Risiko darstellen, außer dass Zeckenstadien, die bisher noch nicht ausreichend gesaugt haben, in einen Haushalt eingeschleppt werden könnten.
Die Zecken überleben im Haus nicht lange und sollten sie sich schon vollgesaugt haben, befallen sie niemanden mehr ohne vorherige Häutung.
Die direkte Übertragung von Hunden zu Menschen ist unwahrscheinlich. Es wurde zwar spekuliert, dass Urin von infizierten Hunden für den Menschen eine potentielle Infektionsquelle darstellen könnte, aber Borrelien werden im Urin schnell zerstört und es gibt keine Hinweise dafür, dass Infektionen beim Menschen nach Kontakt mit infizierten Hundeurin aufgetreten sind.
Die Borreliose bei Menschen ist gewöhnlich mit Aktivitäten im Freien verbunden, die eine Zeckenexposition mit sich bringen.


Wussten Sie .....

• .... Dass Zecken ohne jegliche Nahrungsaufnahme ausharren können und geduldig warten können, bis ihr nächstes Opfer vorbeikommt, auch wenn dieses Warten Jahre dauert?
• .... Dass es in England keine Zecken gibt?
• .... Dass Sie sich mit der Einnahme und dem Essen von Knoblauch die Zecken sich nicht vom Leib halten können? Wer Ihnen jetzt nicht mehr zu Leibe rückt, sind ihre Mitmenschen.
• .... Dass Zecken so hartnäckig sind, dass sie selbst mehrere Wochen in einem geschlossenen Gefäß überleben, dort ihre Eier ablegen und nach einiger Zeit sogar aus den Eiern Larven schlüpfen?
• .... Dass Zecken kein Gewinde haben, deshalb muss man sie beim Entfernen auch nicht drehen.
• .... Dass Zecken gar nicht beißen können, weil sie haben nämlich keine Zähne -sondern sie stechen !



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