Soll mein Rüde kastriert werden ?


Die Sache mit der Dominanz……

Einer der am häufigsten genannten Gründe, die zu einer verhaltensbedingten Kastration führen, ist das Auftreten von Dominanz- bzw. Aggressionsverhalten. Diese pauschale Aussage kann so aber keinesfalls stehen bleiben, sondern muss aus hormoneller und verhaltensbiologischer Sicht wesentlich differenzierter betrachtet werden.
Das oft als Dominanzverhalten interpretierte Verhalten des Hunderüden gegenüber seinem Halter oder seiner Halterin lässt sich kaum durch eine Wegnahme der Sexualhormone beeinflussen, da sich dahinter meist eine mangelnde Führungskompetenz des Menschen und nicht ein Dominanzstreben des Hundes verbirgt. Dominanz im verhaltensbiologischen Sinne ist keine Eigenschaft, sondern eine Beziehung, die von unten nach oben stabilisiert wird und nicht andersherum. Einem Tier, dessen Dominanz anerkannt wird, werden freiwillig Privilegien zugestanden, sprich, es kann jederzeit seine Interessen ohne den Einsatz von Gewalt gegen den anderen durchsetzen.

Ein wirklich dominantes Tier ist souverän und hat keine Aggression nötig.  



Jungtierverteidigung:
Die Jungtierverteidigung hingegen wird über das Hormon Prolaktin, das sogenannte Elternhormon, gesteuert, das auch bei männlichen Hunden zur Betreuung und Verteidigung von Kindern oder Welpen der eigenen Familie führt [5]. Bei sehr vielen Säugetierarten, inklusive des Menschen, ist nachgewiesen, dass der Prolaktinspiegel auch bei männlichen Tieren in Anwesenheit von Jungtieren/Kindern in der Familie und schwangeren Partnerinnen steigt. Daraus resultiert eine aggressive Verteidigung der Individualdistanz der schwangeren Halterin oder einer sonstigen schwangeren Bezugsperson. Außerdem besteht in dieser Zeit auch eine erhöhte Neigung, unfreundlich zu fremden Kindern bzw. Junghunden zu sein.
Dieses Verhalten wurde auch bei kastrierten Tieren nachgewiesen. Zusätzlich ist, zumindest beim Wolf, ein saisonal bedingter Prolaktinanstieg bekannt. Hohe Testosteronspiegel hemmen Prolaktin, sodass auch bei dieser Problematik ganz klar von einer Kastration des Rüden abzuraten ist. Niedrige Testosteronwerte, wie sie auch bei kastrierten Tieren noch aus der Nebennierenrinde entstehen, fördern dagegen die Prolaktinwirkung


Partnerschutz- und Wettbewerbsaggression:
Wird der Halter bzw. vom Rüden ganz besonders die Halterin verteidigt, handelt es sich um Partnerschutzverhalten, für das das als Eifersuchtshormon bekannte Vasopressin verantwortlich ist. Gemeinsam mit dem Bindungshormon Oxytozin spielt es besonders in der Frühphase sich neu bildender Beziehungen eine Rolle. Vasopressin ist als Kotransmitter des Noradrenalins aktiv und sorgt für das Fernhalten unbeteiligter Dritter in der Phase der Beziehungsbildung. Generell ist bei vielen Wirbeltieren eine Beteiligung des Vasopressin-Oxytozin-Systems an der Regelung sozialer Beziehungen nachgewiesen [1], [2]. Dieses System lässt sich durch eine Kastration nicht beeinflussen. Anders verhält es sich bei einer echten Status- oder Wettbewerbsaggression oder auch bei einer territorialen Aggression, solange das Verhalten noch nicht erlernt, sondern tatsächlich hormongesteuert ist.

Bei einer echten Status- oder Wettbewerbsaggression könnte eine Kastration eine Verbesserung des Verhaltens bewirken.
Es muss aber auch festgehalten werden, dass bei vielen Arten (zum Beispiel bei Pferden und Affen, einschließlich des Menschen) ein Anstieg des Testosteronspiegels nach der Rangverbesserung nachgewiesen wurde, was die Annahme „viel Testosteron, viele Rangordnungskämpfe“ infrage stellt. Insbesondere bei Primaten und Labornagern ist auch nachgewiesen, dass zunächst Serotoninschwankungen im Gehirn die „aufsteigerbedingte“ Statusaggression auslösen. Hat das Tier den „gewünschten“ hohen Status erreicht, bleibt der Serotoninspiegel konstant, Testosteron zieht nach, und nun kommt es oft zu eher ruhiger sozialer Statussicherung.

Streunen und Jagdverhalten:
Als weiterer Grund für eine Kastration werden oft Streunen und Jagdverhalten genannt. Zwar wird beim männlichen Säugetier, also auch beim Hund, die Tendenz, größere Streifgebiete zu nutzen und diese zu kontrollieren und zu markieren, unter dem Einfluss der Sexualhormone im Gehirn angelegt, dies geschieht jedoch, soweit heute bekannt, pränatal und lässt sich postnatal kaum mehr beeinflussen.
Anders verhält es sich beim Streunen in Anwesenheit läufiger Hündinnen, das unmittelbar sexuell motiviert ist.
Streunen in Anwesenheit läufiger Hündinnen in der Nachbarschaft lässt sich durch eine Kastration eventuell beeinflussen.
Das Jagd- und Beutefangverhalten wiederum steht in keinerlei Zusammenhang zu den Sexualhormonen, es wird durch sehr einfache Reize ausgelöst: ein sich schnell vom Tier wegbewegendes Objekt löst eine Verfolgung/Beutefang aus.Bemerkenswert ist, dass bei Untersuchungen an Hauskatzen nahezu alle Sexualhormone, außer dem Folliculin, auf Jagd und Beutefangverhalten dämpfend wirkten [3].


Hypersexualität:
Bei der sogenannten Hypersexualität des Rüden muss klar differenziert werden, aus welchem Verhaltenskreis sie entspringt. Häufiges Aufreiten und Paarungsbewegungen entspringen oft nicht dem Sexualverhalten, sondern haben andere Ursachen.
Wenn das Verhalten zwischen mehreren Hunden einer etablierten Gruppe auftritt, handelt es sich meist um Spiel.
Außerdem ist bei der Entscheidung pro oder kontra Kastration bei dieser Indikation zu beachten, dass auch kastrierte Rüden in Anwesenheit einer läufigen Hündin komplettes Paarungsverhalten inkl. Hängen zeigen können und das auch noch jahrelang nach der Kastration. Ursache dafür ist, dass sexuelle Aktivitäten das Dopaminsystem aktivieren, welches wiederum eine selbstbelohnende Wirkung hat und auch beim Menschen der Auslöser für viele Suchterkrankungen ist. Auch umgekehrt steigert aus anderen Gründen ausgeschüttetes Dopamin die sexuelle Aktivität nachweislich, so sind auch andere endokrine Rückkopplungssysteme zwischen Verhalten und Sexualhormonen bekannt, wie zum Beispiel, dass das Balz- und Wettbewerbsverhalten den Spiegel an Sexualhormonen ansteigen lässt.
Nur wenn es sich tatsächlich um sexuell motiviertes Verhalten handelt, ist eine Kastration unter Abwägung aller in diesem Zusammenhang genannten Fakten eventuell in Erwägung zu ziehen - aber dies sollte unbedingt im Vorfeld mit professioneller Hilfe durch genaue Analyse der auftretenden Situationen im Einzelfall geklärt werden!


Ein sinnvoller Probelauf:

Eine zuverlässige Möglichkeit, die Verhaltensänderungen, die eine echte chirurgische Kastration mit sich bringen würde, zu testen, ist der Einsatz eines GnRH-Down-Regulationschips (Suprelorin Chip). Durch einen GnRH-Peak kommt es langfristig für mehrere Monate über negatives Feedback zur Einstellung der Testosteronproduktion, die Hunde haben dann den gleichen Hormonstatus wie ihre kastrierten Artgenossen.
Dieses Prinzip macht man sich in der Zootiermedizin bereits seit mehreren Jahren erfolgreich zunutze. Allerdings sollte man den Besitzer darüber aufklären, dass es in den ersten Wochen, bevor der negative Rückkoppelungsprozess in Gang gebracht wird, zu einem deutlichen Anstieg der Sexualhormone kommen kann, was wiederum eine massive Verstärkung der durch Testosteron induzierten Verhaltensauffälligkeiten zur Folge haben kann. In schweren Fällen kann dem mit Antiandrogenen entgegengewirkt werden. Die Wirkung des Kastrationschips ist komplett reversibel (wieder rückgängig zu machen).
Demgegenüber stellen die früheren Methoden der chemischen Kastration durch Injektion von Antiandrogenen oder Östrogenanaloga wegen der oben genannten Zusammenhänge mit angstlösenden Nebenwirkungen kein zuverlässiges Vorhersagesystem dar.


Fazit:
Aufgrund der dargelegten Fakten sollte selbstverständlich sein, dass man niemals eine pauschale Kastrationsempfehlung aussprechen, sondern immer die Ursachen der Verhaltensauffälligkeiten genauestens analysieren sollte, um die gezeigte Problematik nicht weiter zu verschärfen. In Einzelfällen, wie beispielsweise bei einer echten statusbedingten Aggression, dem Herumstreunen bei Anwesenheit läufiger Hündinnen oder auch bei einer echten Hypersexualität, die durch die Sexualhormone ausgelöst wird, kann eine Entscheidung pro Kastration tatsächlich hilfreich sein, allerdings auch nur dann, wenn das gezeigte Verhalten noch nicht erlernt ist. Keinesfalls jedoch kann und darf die Kastration als Allheilmittel für Verhaltensprobleme jeglicher Art gesehen werden.



Verfasser und Literatur

Verfasser: TÄ Sophie Strodtbeck
Ringstraße 25
82285 Hattenhofen



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